Das Geweih des Hirsches – schnellst wachsende Knochenstrukturen im Tierreich.

Florian Tschudi
0 Kommentare
Das Geweih des Hirsches – schnellst wachsende Knochenstrukturen im Tierreich. Das Geweih des Hirsches – schnellst wachsende Knochenstrukturen im Tierreich.

Das Geweih des Hirsches ist eines der beeindruckendsten Merkmale in der heimischen Wildtierwelt. Es ist nicht nur ein Symbol für Kraft und Dominanz, sondern auch ein biologischer Spiegel von Alter, Gesundheit, Genetik und Lebensraum. Anders als Hörner, wie man sie von Rindern oder Ziegen kennt, besteht ein Geweih aus echtem Knochenmaterial und wird jedes Jahr vollständig neu gebildet. Nach dem Abwurf beginnt im Frühjahr ein neuer Wachstumszyklus, der innerhalb weniger Monate abgeschlossen ist. Damit zählt das Geweih zu den am schnellsten wachsenden Knochenstrukturen im Tierreich.

Der Aufbau eines Geweihs folgt einer klaren Struktur. Am Schädel sitzt der sogenannte Rosenstock, ein knöcherner Zapfen, auf dem das Geweih wächst. Am unteren Ansatz befindet sich die Rose, ein kranzförmiger Abschluss. Von dort aus verläuft die Stange als Hauptträger nach oben. An ihr sitzen die verschiedenen Sprossen wie die Augsprosse, die Eissprosse und die Mittelsprosse. Den oberen Abschluss bildet die Krone mit mehreren Enden. Je nach Anzahl der Enden spricht man beispielsweise von einem 10er oder 12er Hirsch. Ein gerader 12er bedeutet, dass beide Seiten gleich viele Enden aufweisen.

Das Bild zeigt ein beschriftetes Rothirsch-Geweih mit Schädel und benennt die wesentlichen Bestandteile wie Krone, Stange, Mittel-, Eis- und Augspross sowie den Rosenstock. Es dient als fachliche Übersicht der Geweihanatomie. Bildquelle: SWISSskulls International

Das Bild zeigt ein beschriftetes Rothirsch-Geweih mit Schädel und benennt die wesentlichen Bestandteile wie Krone, Stange, Mittel-, Eis- und Augspross sowie den Rosenstock. Es dient als fachliche Übersicht der Geweihanatomie. Bildquelle: SWISSskulls International

Weltweit gibt es etwa 45 bis 50 Hirscharten, die sich deutlich in Grösse und Geweihform unterscheiden. Zu den grössten gehören der Elch als grösste Hirschart überhaupt sowie der Wapiti in Nordamerika. In Europa ist der Rothirsch die bedeutendste Art und für seine imposanten Kronengeweihe bekannt. Mittelgrosse Arten sind etwa der Damhirsch oder der Sika Hirsch, während kleinere Arten wie der Muntjak oder der Pudu deutlich kompakter gebaut sind und entsprechend kleinere Geweihe tragen.

Die Grösse und Ausprägung eines Geweihs wird stark durch die Ernährung beeinflusst. Das Wachstum erfordert enorme Mengen an Energie, Eiweiss, Kalzium und Phosphor. In nährstoffreichen Lebensräumen entwickeln Hirsche meist kräftige, massige und symmetrische Geweihe. In kargen Gebieten hingegen bleiben die Stangen dünn, Sprossen können fehlen und die Krone ist oft schwach ausgebildet. Stress, hohe Wilddichte oder schlechte Äsung wirken sich ebenfalls negativ auf die Geweihentwicklung aus.

Neben Umweltfaktoren spielt auch die Genetik eine entscheidende Rolle. Bestimmte Linien bringen über Generationen hinweg starke und formschöne Geweihe hervor. Die Anzahl der Enden, die Stärke der Stangen und die Ausbildung der Krone sind zu einem grossen Teil erblich bedingt. Dennoch kann selbst eine hervorragende genetische Veranlagung durch schlechte Lebensbedingungen nicht voll ausgeschöpft werden. Das Geweih ist daher immer das Ergebnis eines Zusammenspiels von Erbanlagen und Umwelt.

Auch Verletzungen können das Geweih deutlich verändern. Wird der Rosenstock oder die Wachstumszone beschädigt, entstehen häufig asymmetrische oder deformierte Stangen. Interessanterweise können sogar Verletzungen an den Läufen Einfluss auf das Geweih haben, da das Wachstum neurologisch gesteuert wird. In solchen Fällen zeigen sich oft einseitige Fehlbildungen oder unregelmässige Sprossen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Hormonhaushalt. Das Geweihwachstum ist stark testosteronabhängig. Bei kastrierten Tieren kann es zu dauerhaften Bastgeweihen kommen, die nicht mehr regelmäßig abgeworfen werden. Solche sogenannten Perückengeweihe wachsen unkontrolliert weiter und nehmen häufig bizarre Formen an.Zudem kann es bei einer Kastrierung oder durch schwere Verletzungen dazu kommen, dass gar kein Geweih mehr nachwächst. Auch einseitige Verletzungen können das Wachstum dauerhaft beeinflussen oder vollständig stoppen.Dies zeigt deutlich, wie eng das Geweih mit dem hormonellen Gleichgewicht und der körperlichen Unversehrtheit des Tieres verbunden ist.

Mit zunehmendem Alter erreicht der Hirsch sein stärkstes Geweih meist zwischen dem achten und zwölften Lebensjahr. Junge Hirsche beginnen als Spiesser mit einfachen Stangen, entwickeln sich über Gabler und Sechser weiter und erreichen schliesslich ihre volle Ausprägung. Im hohen Alter nimmt die Geweihqualität wieder ab, da die körperlichen Reserven nachlassen.

Das Geweih ist somit weit mehr als nur eine Trophäe. Es ist ein sichtbares Zeugnis für die Lebensgeschichte eines Tieres und zeigt eindrucksvoll, wie eng Natur, Umwelt, Genetik und Gesundheit miteinander verbunden sind. Jedes Geweih ist einzigartig und erzählt seine eigene Geschichte.

In der Schweiz werfen Rothirsche ihr Geweih in der Regel zwischen Februar und April ab, ältere Hirsche meist etwas früher als jüngere.

Die abgeworfenen Geweihe (Abwurfstangen) findet man vor allem in Wintereinständen, also in geschützten Waldgebieten, an Waldrändern, in Dickungen oder auf südexponierten Hängen, wo sich die Tiere im Winter aufhalten.


Einen Kommentar hinterlassen